Programmierte Kollegen

Mal ehrlich, wer kann schon einen Roboter programmieren? Fast jeder, wie Daniel Seebauer, Mitgründer und CFO von drag&bot, erklärt. Sein Start-up entwickelt einfache Programmierlösungen und will so Roboter zum flexiblen Produktionswerkzeug machen.

MOB: Herr Seebauer, wie entstand die Idee, mit ihren Lösungen ein Start-up zu gründen und in den Markt zu gehen?

DANIEL SEEBAUER: Einer unserer Mitgründer, Martin Naumann, hat bereits während seiner Zeit am Fraunhofer Institut für Produktion und Automatisierung intensiv an neuen Möglichkeiten zur Steuerung von Industrierobotern geforscht. Nachdem wir 2014 auf einer Messe einen Prototypen von Drag&Bot vorgestellt haben, war die Resonanz der Messebesucher so überwältigend, dass wir daraufhin beschlossen, die Technologie in ein Spin-off auszugründen. Unsere ersten Kunden waren vor allem etablierte Player in der Automobilindustrie, die die Lösung zur schnellen Evolution neuer Roboteranwendungen einsetzen.

MOB: Welche Rolle spielen Roboter heute in der Industrie?

SEEBAUER: Roboter werden heute in nahezu allen produzierenden Industrien eingesetzt. Die meisten Roboter werden von Systemintegratoren aber als Teil einer spezifischen, speziell auf die Aufgabe des Kunden optimierten Maschine verbaut. Diese Anlagen lohnen sich in der Regel nur bei sehr hohen Stückzahlen oder großer Wertschöpfung durch den Prozess und werden deshalb über viele Jahre abgeschrieben. Das ändert sich mehr und mehr hin zu flexibleren Standard-Roboter-Zellen, auch – aber nicht nur – durch die Verbreitung von kostengünstigeren Cobots. Viele Kunden schätzen aber die höhere Lebensdauer, Genauigkeit und Schnelligkeit von klassischen Industrierobotern im Gegensatz zu Cobots. So wird voraussichtlich auch 2020 nur jeder zehnte verkaufte Roboter ein Cobot sein.

MOB: Wenn künfitg immer mehr Arbeitnehmer einen Roboter als „Kollegen“ haben, welche Rolle spielt dann die Nutzerorientierung?

SEEBAUER: Aus unserer Sicht ist es sehr wichtig, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter bei dem bevorstehenden Wandel hin zu einer höher automatisierten Produktion von Anfang an mitnehmen. Wir wollen hier einen wichtigen Beitrag leisten, damit Arbeitnehmer keine Angst vor Robotern haben, sondern Roboter als sinnvolle Hilfsmittel und gegebenenfalls sogar als Kollegen wahrnehmen. Unser Ansatz ist dabei, bestehende Mitarbeiter zu Roboterprogrammierung und Bedienung zu qualifizieren. Werker sollten Roboter genauso wie andere Maschinen auch jederzeit nutzen und bedienen können.

MOB: Weshalb ist es wichtig, dass die Roboter auch mobil ansteuerbar sind?

SEEBAUER: Hier gilt es zu unterscheiden zwischen Robotern auf rollenden, mobilen Plattformen und fahrerlosen Transportsystemen (FTS),die selbstständig
durch Fabriken navigieren. Rollende Plattformen mit Industrierobotern bis zu 20 kg Traglast bieten sich insbesondere für die Automatisierung von Handarbeitsplätzen an, bei denen an verschiedenen Stellen in der Fabrik Arbeiten vom Roboter übernommen werden sollen. Sie werden über Docking-Stationen mit dem jeweiligen Arbeitsplatz bzw. der Maschine verbunden, wie wir das etwa von Laptops im Büro kennen. Unser klarer Fokus liegt auf diesen Anwendungen. FTS kommen bisher vor allem für den Materialfluss, beispielweise vom Lager an die Montageplätze, oder in der Logistik zum Einsatz.

MOB: Unter dem Motto „AI Made in Germany“ hat im November 2018 die Bundesregierung ihre KI-Strategie vorgestellt. Wie bewerten Sie diese und bemerken Sie selbst als KI-Startup schon konkret etwas von der Umsetzung jender Strategie?

SEEBAUER: KI ist aus unserer Sicht eine Enabler-Technologie, die große Teile der Gesellschaft und Produktion in diesem Jahrzehnt global und nachhaltig verändern wird. Europa hat hier etwas nachzuholen. Ich denke, dieses Bewusstsein ist spätestens auch mit der neuen KI-Strategie in der Politik angekommen. Während das Feld in der Grundlagenforschung gegenüber China und den USA auf absehbare Zeit nicht zu gewinnen sein dürfte, da wir hier gegen Tech-Giganten mit Milliardenförderungen kämpfen. Europa sollte sich darauf fokussieren, sein bestehendes Produktions-Know-how zu nutzen und diese Erkenntnisse möglichst schnell in Sachen Maschinen, Anlagen und Prozesse zur Effizienzsteigerung einzusetzen. In der Robotik sind heute bereits z.B. Griff-in-die-KisteLösungen auf KI Basis schneller und flexibler als die bisherigen Patter-Matching-Verfahren bei der Auswertung der 3D-Punktwolken. Auch für die automatische Optimierung von Regelparametern bei Robotern, die bisher von Regelungsexperten vorgenommen wurden, wird KI vermehrt eingesetzt. Gleichzeitig ist KI aber kein Wundermittel, für die vielen, verbleibenden Herausforderungen in der Robotik. So ist die Integration verschiedener Hardware- und Software-Lösungen eine große Herausforderung, die wir mit Drag&Bot lösen können.

MOB: Vom Ausbau welcher Technologie könnte Ihr Unternehmensfeld in den nächsten Jahren am Meisten profitieren?

SEEBAUER: Der wichtigste Treiber für die Robotik sind die Investitionskosten und die Total Cost of Ownership. Während durch neue Technologien und Materialien Hardware kostengünstiger wird, können wir durch ein intuitives Benutzer-Interface auch die Kosten bei Umrüstungen auch nach dem Investment nachhaltig reduzieren, was beides zu einer noch schnelleren Adaption führen wird. Zudem wird immer leistungsfähigere und intelligentere Hardware zu immer größeren Datenmengen auf DeviceEbene führen. Ein Großteil dieser Maschinendaten muss auf den Geräten selbst ausgewertet und aufbereitet werden, eine Übertragung in die Cloud wäre nicht ressourceneffizient. Hier dürften Technologien wie Quantencomputing und Edge-KI (d.h. KI bei nur sehr begrenzten Rechenkapazitäten) eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig bewerten wir die Auswirkungen von beispielweise 5G auf das Produktionsumfeld als weniger gravierend wie von vielen prognostiziert. Mit Glasfaser und Wlan stehen bereits heute die notwendigen technischen Voraussetzungen zur Verfügung, um Produktionen in der notwendigen Bandbreite vollständig zu vernetzen und an die Cloud anzubinden. Dennoch sind die IT- und Produktions- abteilungen aufgrund der Bedrohung durch Cyberangriffe sehr restriktiv bei der Vernetzung und Anbindung ihrer Systeme. Dies dürfte sich auch durch 5G nicht so schnell ändern.

Shipra Kren

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